Beitrag 1010 – 3. Preis

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Büro: steidle architekten Gesellschaft von Architekten und Stadtplanern mbH, München
Verfasser*innen: Johannes Ernst
Mitarbeiter*innen: Alexandra Sawkow, Leonard Steidle, Felicitas Ober, Nina Troll, Elia König, Edda Meinerts

Landschaftsarchitektur

Büro: TERRA.NOVA, Landschaftsarchitektur und Stadtplanung, München
Verfasser*innen: Dipl.-Ing. Peter Wich, Landschaftsarchitekt und Stadtplaner
Mitarbeiter*innen: Marion Schiffer, B.Eng Landschaftsarchitektur (FH)

Auszug aus dem Erläuterungstext

Leitidee

Wie kann eine zunächst vergleichsweise banale, verwaltungsgeprägte Funktion wie ein Ministerium neben Orten des absoluten Schreckens, der Erinnerung und der (Bau-) Kultur stehen? Und wie kann eine solche Funktion in diesem Spannungsfeld Gestalt annehmen? Oder schließt sich die Kultivierung internationaler Wirtschaftsbeziehungen und die dramatische Vergangenheit dieses Ortes nicht gegeneinander aus? Wo liegt das Trennende, die Abgrenzung, der Respekt und wo das verbindende, alltäglich – normale Element? Die gegenwärtige Besetzung des Quadranten ist geprägt von den freistehenden baulichen Objekten des Gropius Baus, der Topografie des Terrors sowie dem Gebäudensemble Deutschland- und Europahaus. Spannend hierbei ist nicht nur die räumliche Konstellation und Beziehung (eng – weit, flach – hoch) sondern die innere Vielfalt. Mit unserem Beitrag für den EZ – Campus für das BMZ greifen wir das im Deutschland- und Europahaus angelegte und immer noch vorhandene alltägliche Potential auf und ergänzen dieses mit zwei weiteren Baukörpern zu einem Gesamtensemble das auch über “Europa” hinaus mit der “Welt” in Verbindung tritt und kommuniziert. Zentraler Gedanke ist den Zusammenhang zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft über eine lose Beziehung von visuellen, räumlichen und inhaltlichen Verbindungen zu definieren.

  • Die räumliche Beziehung wird über dem zentralen Freiraum im Norden, dem neuen “Kulturcampus” aufgespannt. So entstehen neue Zu – und Ausgänge in die Topografie des Terrors die für einen neue Wahrnehmung dieses Ortes sorgen. Innerhalb der Gruppe Deutschland – und Europahaus und dem neuen BMZ entsteht eine weiteres räumliches Gefüge, sowohl im Inneren als auch nach Außen, zu den stadträumlichen Grenzen hin.
  • Visuell werden so bestehende und zukünftige kulturelle Nutzungen (Filmhaus Berlinale, Gropiusbau) in das Gesamtgefüge integriert und neu vernetzt. Durchwegungen und neue Verbindungen geschaffen. Das Aufbrechen der großen Baumasse des neuen Ministeriums in zwei Bauteile ermöglicht immer neue Blickbeziehungen zwischen den Akteuren auf dem Feld. Durch die Abstimmung der Höhenentwicklung sowie den klar gesetzten Öffnungen werden weitere Durch- und Übersichtsbeziehungen ermöglicht.
  • Inhaltlich stiftet der neue Kulturcampus einen Zusammenhang der sich zum Teil widersprechenden Funktionen und Ansprüche. In der Kontinuität des Urbanen wird der Widerspruch und der daraus resultierende Dialog hier als positives Phänomen kultiviert.

Beurteilung des Preisgerichts

Die Arbeit ergänzt den Bestand mit zwei weiteren Solitärgebäuden. Beide Baukörper erhalten einen ähnlichen Fußabdruck wie das Europahaus und sind leicht gegeneinander verdreht. Dabei liegt der 8-geschossige Eingangsbau parallel zur Anhalterstraße während der nördliche niedrigere Baukörper parallel zur nördlichen Grundstückslinie liegt. Das neue Ensemble wird städtebaulich richtig im Süden an der Anhalterstraße von einem großzügigen Vorbereich erschlossen. Im südlichen Gebäude befinden sich folgerichtig die publikumswirksamen Nutzungen im Erdgeschoss. Mit einem gläsernen Verbindungsbauwerk sind die südlichen Nutzungseinheiten mit dem nördlichen Baukörper intern verknüpft. Beide Baukörper sind in den Obergeschossen mit den Büronutzungen typologisch als Hofgebäude ausgebildet. Die Innenhöfe werden in den Obergeschossen durch gelegentliche Terrassenrücksprünge, die als grüne Oasen ausgebildet sind, rhythmisiert. Die disziplinierte Formgebung nach Außen hin wird positiv bewertet. Aufgrund des großen Fußabdruckes der beiden neuen Bauteile entsteht eine Enge die unmittelbar auf die Qualität der einzelnen Arbeitsbereiche negativ niederschlägt.

Die typologische Besonderheit des Entwurfs liegt im offensiven Umgang mit der Verbindung der Baukörper untereinander. Hier sehen die Entwurfsverfasser großzügig ausgeformte Brücken vor, mit denen die Neubauten untereinander, aber auch mit dem Europahaus verbunden sind. Eine öffentliche Durchwegung ist nicht angedacht jedoch strukturell umsetzbar. Eine Sichtbeziehung zwischen Gropiusbau und Anhalterstraße könnte mit Einschränkungen ermöglicht werden. Allerdings schränkt die Lage der Tiefgarageneinfahrt an dem ohnehin schmalen südlichen Zugang zwischen Neubau und Deutschlandhaus die Option einer fußläufigen Verbindung stark ein.

Die Arbeit bietet ein differenziertes Angebot an Freiräumen für die Ministerialgebäude. Eine baumbestandene Passage, Innenhöfe und Gartenbereiche am Übergang zum Robinienwäldchen fügen sich im Erdgeschoss zu einem attraktiven Campus und ermöglichen den Austausch zwischen den Ministeriumsmitarbeitenden und verschiedenen Partnern. Ein Kulturcampus an der Südseite des Gropiusbaus und neue Wegeverbindungen durch das Gelände der Topographie des Terrors binden den neuen EZ-Campus in die direkte Nachbarschaft ein.

Zusammengefasst handelt es sich um einen wertvollen Beitrag zur gestellten Aufgabe. Aufgrund des großen Fußabdruckes, der aufwendigen Brückenbauwerke und der unklaren Aussagen zu den Freibereichen bleiben viele Fragen offen.