Beitrag 1005 – 2. Preis

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Büro: wulf architekten, Stuttgart
Verfasser*innen: Prof. Tobias Wulf, Steffen Vogt
Mitarbeiter*innen: Gabriel Wulf, Daihoon Kim, Zhan Xu, Christian Ptasinski

Landschaftsarchitektur

Büro: planstatt senner, Stuttgart/Berlin
Verfasser*innen: Johann Senner
Mitarbeiter*innen: Thilo Nerger, Alicia Yassner

Sonderfachleute (Modell)

Büro: Béla Berec, Architektur-Modellbau.Gestaltung, Stuttgart

Auszug aus dem Erläuterungstext

Leitidee

Konzept
Der Titel des Ideenwettbewerbes lautet: EZCampus Plus. Der Begriff Campus beschreibt dabei weniger eine städtebauliche Setzung als vielmehr „die inhaltliche Idee der Vernetzung in den entwicklungspolitischen und öffentlichen Raum“. Das angefügte „Plus“ beschreibt die Aufgabe der Einbeziehung eines größeren städtischen Betrachtungsrahmens. Im gesamtstädtischen Kontext sollen Ideen zur Vernetzung vorhandener sowie neuer Freiräume entwickelt werden. Dabei ist von besonderer Bedeutung „die sensible Integration des Neubaus in die einzigartige Gedenkstättenlandschaft im Herzen der Hauptstadt Berlin“.

Aus diesen grundlegenden Prämissen der Auslobung ist unser Konzept hergeleitet. Die inhaltliche Idee der Vernetzung aller Bestandteile dieser einzigartigen Gedenkstättenlandschaft untereinander und vor allem auch mit dem öffentlichen Raum und der öffentlichen Wahrnehmung ist der Kern unseres Konzeptes.

Deutschlandhaus (Flucht, Vertreibung, Versöhnung), das Areal Topographie des Terrors (mit dem Robinienwäldchen) und das geplante Exil Museum stehen in direktem inhaltlichem Zusammenhang mit dem BMZ. Dieser Zusammenhang soll im öffentlichen Freiraum wahrnehmbar und erlebbar gemacht werden. Dabei soll ein Zeichen in die Zukunft gesetzt werden. Wir verstehen das BMZ dabei als Teil der Gedenkstättenlandschaft mit Bezug auf die aktuelle Entwicklungspolitik.

 

Wie könnte dieses Konzept konsequent umgesetzt werden angesichts des großen Flächenbedarfs für den Neubau des BMZ, ohne dass historische und inhaltliche zusammenhänge verwischt oder gar blockiert werden?

Nach gewissenhafter Abwägung muss die Antwort klar und einfach sein. Es handelt sich hier eindeutig um eine Aufarbeitung in öffentlichem Interesse, um eine res publika. deshalb darf die Öffentlichkeit nicht ausgesperrt sein. Dies ist möglich ohne die Sicherheitsinteressen des BMZ zu verletzen. Es soll sich ein Freiraum auftun der die Beziehungen aller Institutionen dieser Gedenkstättenlandschaft im öffentlichen Raum wahrnehmbar macht und sie darüber hinaus spannungsvoll inszeniert. Dabei soll der Freiraum das eigentliche Zentrum der Gedenkstättenlandschaft sein, er soll möglichst wenig zugebaut werden und Sichtverbindungen nicht verstellen sondern öffnen und bewusst inszenieren.

Die Bedeutung dieses Gesamtwerkes Gedenkstätte soll zeichenhaft auch aus der Ferne wahrnehmbar gemacht werden, wobei es wichtig erscheint, auch ein Zeichen in die Zukunft zu setzen. Dieses soll sich als bauliche Geste klar und einfach, im Ausdruck trotz der zeichenhaften Höhe schlicht und im Detail zurückhaltend zeigen.

Die vielschichtige Historie des Areales ist zu einem großen Teil von den Schatten der nationalsozialistischen Vergangenheit geprägt, die nie verschwinden werden. Sie ist andererseits auch von einer ganz anderen Epoche geprägt, die in den Golden Twenties von großstädtischer Lebensfreude erfüllt war und dies im Stadtraum durch bunte und leuchtende, weit in die Höhe strebende metropolitane Ausdrucksformen kundtat, wie das Foto mit der Odol Reklame aus dieser Zeit dokumentiert.

Und der letzte konzeptprägende Aspekt betrifft die Zukunft des Bauens mit Verantwortung für die Endlichkeit unserer Ressourcen an Grund und Boden, an Rohstoffen und Energie. Um das in der Auslobung formulierte Ziel eines klimaneutralen Gebäudes zu erreichen, halten wir einen möglichst kleinen Footprint des Neubaus und eine Struktur aus nachwachsenden Rohstoffen sowie eine energiegewinnende gebäudehülle für unentbehrlich.


Beurteilung des Preisgerichts 1005

Die Arbeit 1005 schlägt zwei den Bestand zu einem Ensemble im Park ergänzende Baukörper vor. Zur Anhalter Straße steht der 8-geschossige Baukörper welcher mit einem kräftigen Unterschnitt vom großzügigen Vorplatz erschlossen wird. Der hintere, 14-geschossige Bau steht folgerichtig parallel zum Gropiusbau. Dadurch entsteht eine lebendige, gut nachvollziehbare Komposition, jedoch wird die Höhe des nördlichen Baukörpers aufgrund der Nähe zu dem Areal der Topografie des Terrors kritisch gesehen.

Die vier Volumina sind über einen erdgeschossigen Sockel verbunden, welcher zusammen mit dem 1.Obergeschoß die Nutzungen des Konferenzzentrums, der Presse und der Kantine sinnvoll aufnimmt. Ein großzügiger Einschnitt belichtet als grüner Hof zudem den Sockelbereich und erzeugt räumliche Qualitäten. Innenräumlich sind so die Neubauten mit den Bestandsbauten gut nutzbar verbunden. Auf der geschützten Dachterrasse ergibt sich das Äquivalent im Außenraum. Hier sind ungestört Austausch und Kommunikation der Akteure im Freien vorstellbar. Durch den vorgeschlagenen Sockel gelingt die Einbindung der bestehenden Anlieferung des Deutschlandhauses. Das charakteristische Fenster desselben erhält nun einen adäquaten Kontext.

Für den städtischen Außenraum verhindert die innenräumliche Verbindung im Sockel eine öffentliche Wegeführung des Grundstücks im Bereich zwischen Bestand und Neubauten und ebenso die Sichtbeziehung von der Anhalter Straße zum Martin-Gropiusbau. Dieser Verlust einer Blickachse wird kritisch betrachtet, während die dadurch entstehende funktionale Verbindung gelobt wird. Die landschaftliche Fortsetzung des Robinienwäldchens bis an die Stresemannstraße ist ein guter Beitrag für die Öffentlichkeit. Das Potenzial eines gut bespielbaren Außenraumes bleibt jedoch zu unkonkret.

Die beiden aufsteigenden Baukörper sind mit einer Kantenlänge von 36m kompakt organisiert. Eine zentrale Erschließung ermöglicht außenliegende Nutzungsflächen, welche durch die Verdrehung der Baukörper interessante Ausblicke erwarten lassen. Zweigeschossige Wintergärten mit besonderen, flexiblen Nutzungen dienen als Kommunikationszonen für die Mitarbeiter. Diese akzentuieren die Baukörper wechselnd zu den verschiedenen Himmelsrichtungen und bieten einen räumlichen Mehrwert. Die qualitative Gleichwertigkeit einzelner Büroräume wird insgesamt positiv bewertet.

Die Arbeit stellt einen sehr wertvollen und konsequenten Beitrag zur gestellten Aufgabe dar.